„Zweite Wahl – Frankreichs vergessene Vorstadtghettos“ 25.4.2012

„Zweite Wahl – Frankreichs vergessene Vorstadtghettos“
ZDFinfo zeigt Langzeitdokumentation über Frankreichs vergessene Vorstadtghettos

18.4.2012 Mainz (ots) – Der Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich ist in vollem Gange. Was versprechen die Kandidaten nicht alles, um gewählt zu werden? Wie bewerten die Menschen im Vorstadtghetto La Courneuve die bevorstehende Wahl?

Sieben Jahre lang war ZDF-Korrespondentin Susanne Freitag mit ihrem Team regelmäßig in La Courneuve unterwegs. Die Langzeitbeobachtung „Zweite Wahl – Frankreichs vergessene Vorstadtghettos“ am Freitag, 20. April 2012, 19.45 Uhr, in ZDFinfo und am Mittwoch, 25.April 2012, 0.45 Uhr, im ZDF, zeigt, dass die französische Politik es seit Jahrzehnten nicht geschafft hat, das Problem der sozialen Brennpunkte in den Griff zu bekommen. Es wird eine der großen Herausforderungen des nächsten Präsidenten bleiben, egal wer diese Wahl gewinnt.

„Ich habe Sarkozy damals gewählt, weil er jung und dynamisch war. Ich habe wirklich geglaubt, dass er hier etwas verändern kann.“ Als Catherine Geli vor fünf Jahren ihren Stimmzettel abgegeben hat, war sie voller Hoffnung. Endlich ein Kandidat, der die Vorstadtghettos in den Mittelpunkt seiner Wahlkampagne gestellt hatte. Catherine ist alleinerziehende Mutter von sieben Kindern und lebt in La Courneuve, einer der Trabantenstädte am Pariser Stadtrand. Nicolas Sarkozy wollte die Dealerzentren am Stadtrand „mit dem Kärcher reinigen“ und „von Abschaum und Gesindel befreien“. Markige Sprüche, mit denen er viel Aufsehen erregte, aber auch viele Wählerstimmen gewinnen konnte.

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Er hatte damals keine andere Wahl. Ende 2005, etwas mehr als ein Jahr vor den letzten Präsidentschaftswahlen, erlebte Frankreich die schlimmsten Unruhen seiner Geschichte. Wochenlang gingen die Bilder der brennenden Vorstädte um die Welt. Die Wut der vergessenen Jugend explodierte in einer beispiellosen Welle der Gewalt.

„Die Leute hier haben nichts zu velieren, in den letzten Jahren hat sich die Lage verschlimmert. Waffen und Drogen kann man heute viel leichter kaufen“ sagt Alibi Montana, der in La Courneuve aufgewachsen ist. Früher war er Chef eines Dealerrings. Wegen Mordversuchs saß er mehrere Jahre im Gefängnis. Dort hat er angefangen Musik zu machen, ist heute ein erfolgreicher Rapper und so etwas wie die Stimme der Banlieue geworden. Jetzt versucht er, der Vorstadtjugend zu helfen. Im Moment tourt er durch die Vorstädte Frankreichs, gibt Konzerte in kleinen Jugendzentren und veranstaltet Gesprächsrunden mit Jugendlichen. Er will, dass sie auf jeden Fall zur Wahl gehen:“Sonst geben sie sich ja selbst auf.“

An der Stelle in La Courneuve, wo Sarkozy damals vollmundig vom Kärcher sprach, sieht man heute einen riesigen Schutthaufen mit Baggern und Kränen. Der Wohnblock Balzac wurde abgerissen. Das allerdings hatte einer von Sarkozys Vorgängern schon Jahre vorher veranlasst. Alibi Montana hat vor diesem Haus früher gedealt, Catherine Geli hat einige Jahre darin gelebt. Jetzt sollen kleinere Mehrfamilienhäuser das Leben schöner machen, und die Ghettoisierung aufhalten. „Solange das soziale Elend so bleibt wie bisher, ändert sich hier gar nichts“ sagt Alibi, das hat er auch in den vielen anderen Vororten des Landes immer wieder festgestellt. Für Catherine Geli ist klar: Präsident Nicolas Sarkozy hat total versagt. Aber ob es seine Konkurrenten besser können, weiß sie auch nicht. „Wir spielen in diesem Wahlkampf keine Rolle. Den Leuten hier geht es schlecht, sie haben keine Stimme. Wir sind zweite Wahl in Frankreich“. „Genau das ist gefährlich“, sagt Alibi. „Alles scheint ruhig zu sein, aber die Wut ist enorm. Hier reicht ein winziger Funke, dann knallt es wieder.“

In diesem Wahlkampf hatten die Vorstädte anfangs keine große Rolle gespielt. Doch seit sich herausstellte, dass Mohamed Merah, der im März in Toulouse und Montauban sieben Menschen erschoss, aus dem Problemstadtteil Côte Pavée stammt, sind die sozialen Brennpunkte Frankreichs wieder in den Mittelpunkt des Interesses gerückt.